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  • Dr. Markus Winnisch MSc

Der Kreuzbandriss

Erst im Februar verlor der Kader des ÖSV Speedteams der Damen beim Riesentorlauf in Berchtesgaden die junge Weltcupläuferin Julia Scheib für die heurige Saison. Nach einem Sturz wurden bei ihr ein Riss des vorderen Kreuzbandes und eine Verletzung des Außenmeniskus diagnostiziert. Eine Operation war notwendig.



Ursachen und Hintergründe


Verletzungen des Kniegelenks mit Beteiligung der Kreuzbänder nehmen in den letzten Jahren deutlich zu. Dies betrifft nicht nur Spitzenathleten im professionellen Skisport, sondern auch zahlreiche Hobbysportler. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben oft mangelhafter körperlicher Vorbereitung der Sportler ist auch die breite Verfügbarkeit von immer professionellerem Material im Hobbysport zu nennen. Die angebotene Ausrüstung lockt die Käufer mit „Qualität aus dem Rennsport“ und verspricht dabei noch höhere Geschwindigkeiten und engere Kurvenradien. Auf der einen Seite natürlich verlockend, wird jedoch andererseits oft vergessen, dass das damit verbundene Verletzungsrisiko, gerade für Untrainierte, entsprechend steigt.


Die Kreuzbänder, ein vorderes Kreuzband und ein hinteres, gehören im Knie zu den zentralen Stabilisatoren. Sie liegen zwischen Oberschenkel und Unterschenkel und verhindern übermäßige Bewegungen des Unterschenkels nach vorne bzw. nach hinten. Durch Ihre spezielle Struktur und Verankerung im Knie, stabilisieren sie das Gelenk sowohl in Streckung, als auch in Beugung und halten Belastungen bis zum 7 – fachen des Körpergewichtes stand. Das vordere Kreuzband ist im Verhältnis zum hinteren deutlich häufiger von Verletzungen betroffen. Ein bekannter Unfallmechanismus, der zum Riss des vorderen Kreuzbandes führen kann, ist eine übermäßige Beugung, Außenrotation und X-Beinstellung im betroffenen Knie.


Diagnostik


Patienten beschreiben das Unfallgeschehen oft sehr exakt. Sie bemerken bereits während der Bewegung, dass das Gelenk durch die entstehenden Kräfte des Unfalls weiter als üblich bewegt wird. Manchmal ist auch das „schnalzende“ Geräusch des reißenden Kreuzbandes von den Betroffenen zu hören. Während des Risses kommt es häufig zu starken Schmerzen im Gelenk. Dieses schwillt in den meisten Fällen recht rasch an, die Beweglichkeit kann schmerzbedingt eingeschränkt sein und bei Belastung kann ein sogenanntes „subjektives Instabilitätsgefühl“ entstehen. Das passiert immer dann, wenn das Knie durch mangelnde muskuläre Stabilität nach dem Kreuzbandriss nicht mehr in der Lage ist, die Vor- und Rückwärtsbewegungen des Unterschenkels zu verhindern. Es entsteht das Gefühl, das Knie würde nicht halten und man würde ins Leere steigen.


Der Arzt kann im Rahmen einer Untersuchung des Kniegelenks verschiedene Tests durchführen, um die Stabilität von vorderem und hinterem Kreuzband zu überprüfen. Außerdem kann er Hinweise auf mögliche Begleitverletzungen, wie z.B. Meniskus- oder Seitenbandverletzungen erhalten.

Eine Röntgenuntersuchung und die Durchführung einer Magnetresonanztomografie (MRT) sichern die Diagnose. Knöcherne Verletzungen können so ausgeschlossen, Bänder, Sehnen, Menisken, Knorpel und Muskeln sicher beurteilt werden.




Therapieoptionen


Prinzipiell stehen bei der Behandlung eines Kreuzbandrisses konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Wahl, ob ein Vorgehen ohne Operation möglich und sinnvoll ist, hängt stark von der individuellen Situation der Verletzung (Art des Kreuzbandrisses, Begleitverletzung von z.B. Menisken oder Seitenbändern) und dem Trainingszustand bzw. den Anforderungen des Betroffenen ab. Ein konservativer Therapieversuch, also ohne operativen Eingriff, ist nur bei Betroffenen sinnvoll, die wenig sportliche Ansprüche haben, bei denen keine wesentlichen Begleitverletzungen vorliegen und die keine subjektive Instabilität beschreiben. Es bedarf auch einer sorgfältigen Patientenaufklärung, dass eine Operation womöglich zu einem späteren Zeitpunkt notwendig werden kann, besonders dann, wenn Instabilitäten im Gelenk störend auffallen, oder sich die Ansprüche des Betroffenen verändern. Ein instabiles Kniegelenk, in Folge einer nicht operativ versorgten Kreuzbandverletzung, unterliegt dem Risiko eines deutlich erhöhten Gelenkverschleißes und damit der Entwicklung einer Kniegelenksarthrose. Zur konservativen Versorgung einer Kreuzbandverletzung zählen, neben einer adäquaten Schmerztherapie, die Verordnung einer beweglichen Kniegelenksschiene und intensive Physiotherapie. Ziel dabei ist der Muskelaufbau zur muskulären Stabilisierung des betroffenen Gelenks, sowie der Erhalt guter Beweglichkeit und Verbesserung der Tiefensensibilität (dem „Gespür“ für das Gelenk, ohne bewusst daran denken zu müssen). Regelmäßige fachärztliche Kontrolluntersuchungen sind notwendig.


Häufig ist eine operative Versorgung des gerissenen Kreuzbandes notwendig. Besonders bei sportlich aktiven Patienten, die hohe Anforderungen an ein stabiles Kniegelenk haben (z.B. Ski fahren wollen) oder wenn es zu Begleitverletzungen des betroffenen Knies gekommen ist. Es stehen verschiedene Operationsverfahren zur Auswahl, die allesamt arthroskopisch assistiert durchgeführt werden. Das heißt, dass meist nur kleine Schnitte am Gelenk nötig sind und die Operation mit Hilfe einer Kamera und Spezialinstrumenten – also mittels „Schlüssellochchirurgie“ – möglich ist.

Eine Entscheidung zur Operation ist natürlich nur dann möglich, wenn der Patient im Rahmen eines ausführlichen Aufklärungsgesprächs vom Arzt über Notwendigkeit, Möglichkeiten, Alternativen und Risiken einer OP informiert wurde.


Die Operation beginnt mit einer ausführlichen Begutachtung des Gelenksinneren. Dabei können Begleitverletzungen erkannt und auch im gleichen Eingriff behandelt werden. Das gerissene Kreuzband wird beurteilt. Es gibt spezielle Rissformen, die, wenn sie zeitnahe nach dem Unfall versorgt werden, durch eine Naht und Wiederverankerung des gerissenen Bandes therapierbar sind. Erste Hinweise darauf erlangt man bereits vorweg, anhand der MRT Bilder. Meistens jedoch ist das Kreuzband so zerrissen, dass es vollständig ersetzt werden muss.


Dabei unterscheiden sich dann die gewählten Operationstechniken hinsichtlich der Auswahl des Transplantates, also jenem Ersatz, der an Stelle des gerissenen Kreuzbandes in das Gelenk eingesetzt wird. Hierfür stehen körpereigene Sehnen zur Verfügung, die im Rahmen der Operation entnommen werden. Konkret sind das Teile der innenseitig verlaufenden Beugesehnen (Semitendinosus- und/oder Gracilissehne), der Mittelteil der Kniescheibensehne (Patellasehne) oder Teile der Kniestrecksehne (Quadrizepssehne). In seltenen Fällen kann es nötig sein, Spendersehnen zu verwenden. Künstliche Ersatzbänder haben in der modernen Kreuzbandchirurgie kaum mehr Berechtigung.


Das gewählte Transplantat wird, durch vorher an exakter Position gebohrte Kanäle, in das Gelenk eingezogen und fixiert. Ein weiterer Unterschied der OP-Technik zeigt sich in der Art, wie das gewählte Transplantat im Knochen verankert wird. Hier stehen Verankerungen mittels selbstauflösender Schrauben, Kunststoffanker oder Knopfverankerungen mit Flaschenzugsystem zur Verfügung.


Nach der Operation steht den Patienten ein intensiver, aktiver Rehabilitationsprozess bevor. Ziel dessen ist es, durch aktiv therapeutische Maßnahmen die Beweglichkeit des operierten Gelenks wieder herzustellen, die Muskulatur optimal aufzubauen, die Tiefensensibilität zu stärken und die tägliche- sowie sportliche Leistungsfähigkeit auf zumindest das Ausgangsniveau vor der Kreuzbandverletzung zu erhöhen. Bedingung dafür ist eine qualitativ hochwertige physiotherapeutische Betreuung, durch am Kniegelenk erfahrene Therapeuten.


Es dauert etwa 9 Monate, bis das ins Knie eingebrachte Transplantat nach biologischen Umbauprozessen die Widerstandsfähigkeit des originalen Kreuzbandes erhält. Daher sind in diesem Zeitraum Kontaktsportarten und sogenannte Pivoting-Sportarten wie z.B. Ski fahren, Fußball spielen, usw. verboten. Anderenfalls besteht das hohe Risiko eines nochmaligen Kreuzbandrisses.


Prävention


Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die meisten Kreuzbandverletzungen ohne Beteiligung eines „Unfallgegners“ passieren. Alleine das zeigt schon, welch hohen Stellenwert die eigene körperliche Vorbereitung auf sportliche Herausforderungen einnimmt. Präventionskonzepte können das Risiko eines Kreuzbandrisses deutlich reduzieren. Kraftaufbautraining, Ausdauertraining und neuromuskuläre Trainingsansätze (z.B. Reaktions- und Gleichgewichtstraining) bilden den Schwerpunkt solcher Aufbauprogramme.


Dieser Artikel hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er dient zur allgemeinen Information und kann weder ein ärztliches Gespräch, noch eine ärztliche Untersuchung ersetzen. Wenn Sie Fragen haben, vereinbaren Sie in meiner Ordination gerne einen Termin. Ich stehe Ihnen in Rauris und Wien zur Verfügung!



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